Was Sie schon immer über Transsexualität wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten!

von Britta Madeleine Woitschig  11.05.2008

(Text entnommen aus >transray, information system for transsexual matters <, leicht bearbeitet und gekürzt)

 

Frage: Was unterscheidet Transsexualität von Homosexualität?

Antwort: Alles, denn dabei handelt es sich um zwei grundlegend verschiedene Teile der menschlichen Persönlichkeit, nämlich um die eigene Identität und die (Zu-) Neigung zu anderen Menschen. Durch ihr eigenes Selbstverständnis geraten Menschen in beiden Fällen in Konflikt mit der sowohl staatlich als auch kirchlich verhätschelten Heterosexualität und werden dabei mal gezielter, mal beiläufiger in ihrer Würde verletzt. Weil sich das Erscheinungsbild der beiden Gruppen in gewissen Phasen annähern kann, verwechseln Heteros recht gern Transvestiten, die entweder hetero oder auch schwul sein können, mit Transsexuellen. Während sich jedoch die einen als Männer verstehen und sich mit ihrem biologischen Körper identifizieren, ohne ins Grübeln zu kommen, hadern die Transsexuellen mit einem Erscheinungsbild, das zu ihrer Identität im Widerspruch steht. Das trifft sowohl auf Mann-zu-Frau-Transsexuelle wie auch auf Frau-zu-Mann-Transsexuelle zu, die ihre Identität weder als schwul noch als lesbisch bezeichnen.

Aber gerade weil beide Bezeichnungen auf verschiedenen Ebenen der Persönlichkeit angelegt sind, schließen sie sich nicht aus. Deshalb kann eine Person, die bei ihrer Geburt in den Akten als „Mann“ registriert wurde, sich sowohl als Frau empfinden als auch sich zu Frauen hingezogen fühlen, so dass sie sich einerseits als transsexuell und andererseits als lesbisch empfindet. Solange zwischen Wissenschaftlern jedoch Widersprüche bestehen, welchem Geschlecht sie transidente Menschen zurechnen wollen, dem biologischen oder dem der empfundenen Identität, geraten sie mit den Bezeichnungen ins Schwimmen und vernebeln mehr als dass sie aufklären. Da transidente Persönlichkeiten Menschen sind wie andere auch, ist anzunehmen, dass es innerhalb dieser Gruppe genau so häufig Schwule und Lesben gibt wie in der gesamten Bevölkerung.

Auf der anderen Seite können schwule und lesbische Szenen vor einem transsexuellen Coming-out der Suche nach der eigenen Identität dienen. Sobald jedoch die eigene Körperlichkeit ins Spiel kommt und das Begehren nach dem Partner übertrumpft, beginnen die Schwierigkeiten und zwischen den bisherigen Partnern öffnet sich eine Kluft. Ähnliche Probleme tauchen bei einer zwanghaften Anpassung an die Heteromoral ebenfalls in Partnerschaften auf. Die Erkenntnis der eigenen Transidentität verlangt ein völlig neues Fundament in der Beziehung, weil sich Heteros so plötzlich in lesbischen bzw. schwulen Partnerschaften wiederfinden und sich Lesben oder Schwule unvermutet in einer Hetero-Beziehung wiederfinden.

Verwirrung herrscht dann auf beiden Seiten, und jeder muss für sich die Frage lösen, ob ihr oder ihm das Geschlecht des Partners mehr bedeutet als der Mensch an sich, wie er oder sie nun einmal ist. Außerdem kommen je nach Alter noch zusätzliche Komplikationen auf Menschen mit transidentem Empfinden zu. So stellt sich die Frage, ob die Eltern und der Freundeskreis Rückhalt gewähren oder sich die Sache leicht machen, indem sie in vorauseilendem Gehorsam der Intoleranz der Nachbarn vorgreifen und den Druck verstärken. Mit einem Coming-out ist es deshalb nicht getan …

 

Frage: Warum lassen sich Transsexuelle ihr Geschlecht operieren?

Antwort: Bei Menschen, die sich in ihrem Körper wohlfühlen oder die stolz auf seine Eigenschaften und Fähigkeiten sind, stößt der Gedanke eines chirurgischen Eingriffs in einen an sich funktionsfähigen Körper verständlicherweise auf Verwunderung. Auf den ersten Blick muss diese Sehnsucht auf Unbeteiligte wie der Wunsch nach einer Körperverletzung anmuten, denn aus ihrem Blickwinkel wäre ein derartiger Eingriff eine Verstümmelung und Zerstörung gerade jener Regionen des Körpers, die ihnen sehr viel bedeuten.

In der paradoxen Wahrnehmung transidenter Menschen kehren sich jedoch die Empfindungen um. Der eigene (biologische) Körper überrumpelt das Selbstverständnis, die unwillkürlichen Reaktionen in der Pubertät verstören das Fundament der Psyche und werden als fremd, eklig und widerlich aus dem Körperbewusstsein verbannt. Der Bezug zum Körper wird nicht hergestellt, so dass diese materiell zwar existierenden Organe nur widerwillig zur Kenntnis genommen werden.Die eigentlich gefühlte Biologie des ersehnten Geschlechts fehlt und ist außerdem durch den Ballast der verhassten Organe blockiert. Mann-zu-Frau-Transsexuelle empfinden sich als Frauen, Frau-zu-Mann-Transsexuelle als Männer.

Das Wachsen einer weiblichen Brust und die Menstruation werden von transidenten Männern als fürchterlicher Horror erlebt wie die nicht kontrollierbaren Pollutionen bzw. Ejakulationen und das Bartwachstum von transidenten Frauen. Das Verhindern oder Abstellen der ekligen Ausscheidungen und das Verbergen der kompromittierenden Merkmale werden deshalb zur Hauptaufgabe, um sich einigermaßen wohlzufühlen. Die Entfernung der verhassten Körperteile und der Wunsch, sie so umformen zu lassen, dass sie dem ersehnten Geschlecht entsprechen, ergeben sich in der Konsequenz, die ständigen Belastungen zu mindern und die Lebensqualität zu steigern.

Die transidente Sichtweise der Operation gleicht daher derjenigen einer Person, die durch einen Unfall versehrt wurde und die nur verlangt, dass ihr ein vollständiger Körper (durch Transplantationen oder durch Prothesen) wiederhergestellt wird. Im Zuge der Operation wird das überflüssige Gewebe wie Krebsgewebe entfernt, durch Hormongaben (des biologischen Gegengeschlechts) lässt sich das Körperbild dem des ersehnten Geschlechts angleichen. Der rekonstruierte Unterleib befreit von dem Übel, ständig verräterische Organe (auch vor sich selbst!) verbergen zu müssen und eröffnet neue Freiheiten wie jene, endlich mit dem richtigen Körper in die Sauna oder ins Schwimmbad gehen zu können und durch den angeglichenen Körper Lustgefühle zu sich selbst entwickeln zu können. Weil die Operation vor allem für den transidenten Menschen selbst durchgeführt wird, wäre es zu kurz gedacht, sie auf die sexuelle Erlebnisfähigkeit zu beschränken. Diese kann zwar eine große Rolle spielen, ist jedoch nicht ausschlaggebend.

 

Frage: Worin besteht der Unterschied zwischen sozialer Rolle und der Geschlechtsidentität? Worin besteht überhaupt der transidente Prozess?

Antwort: Die soziale Rolle wirkt nach außen, sie ist eine Art, sich mit anderen zu verständigen – durch Kleidung, Gesten, Bewegungen, Make-up (oder auch nicht!), Parfum usw. Sie verändert sich in der Gesellschaft, z. B. in der Zeit, und hat vielfältige Facetten in den unterschiedlichen Schichten und Lebensstilen, die sich v. a. in der Mode ausdrücken. In Laufe des Weiserwerdens ändert sich die Gestaltung der eigenen Lebensweise ebenso, denn Schülerinnen kleiden sich z. B. anders als Rentnerinnen.

Die Identität hingegen ist mit inneren Prozessen verknüpft; das sich-in-der-eigenen-Haut-wohlfühlen spielt hier eine bedeutende Rolle. Subjektive Eindrücke, wie etwas auf sich selbst wirkt, sind hier entscheidend. Die Fähigkeit, sich in die Welt einzuordnen, entwickelt sich in den ersten Lebensjahren und wird zeitlebens auf die Probe gestellt. Denn Identität setzt sich aus zahlreichen Elementen zusammen; und nicht jedes dieser Elemente wird in jeder Situation eingebracht: so kann einmal die Vorliebe für Musik den Ausschlag geben, ein anderes Mal das Alter oder das Geschlecht.

Die Geschlechtsidentität ist ein Teil der Identität. Im häufigsten Fall entwickelt sich das körperliche Empfinden parallel zum biologischen Körper. Aber das muss nicht sein: Wenn biologischer Körper und empfundene Geschlechtsidentität sich im unvereinbaren Gegensatz befinden, liegt transidentes Empfinden vor. Da Transidenten ebenso konkrete Vorstellungen von ihrem Körper haben wie jener Teil der Bevölkerung, bei dem inneres Empfinden und biologischer Körper übereinstimmen, halte ich den Ausdruck „Geschlechtsidentitätsstörungen“ (ICD-10; DSM-IV; eng.: „gender identity disorder“) als generellen Ausdruck für verfehlt. Soziale Rolle und Geschlechtsidentität sind aber miteinander eng verzahnt, durch die Gestaltung der sozialen Rolle bringt jeder Mensch die eigene Geschlechtsidentität (mehr oder minder bewusst) in den alltäglichen Dialog mit ein. In der Rolle öffnet sich sozusagen ein Vokabular, dass es erlaubt, sich den anderen mitzuteilen. Im Laufe des Erwachsenwerdens werden wir für gewöhnlich auf eine soziale Rolle „geeicht“, die dem biologischen Körper entspricht.

Bei Transidenten führt dieser Zwang, dieser Druck zu Konflikten: Angst, Zorn, Wut, Trauer oder Gefühle der Ohnmacht treten auf. Erst mit dem Bewusstwerden des eigenen Empfindens ergibt sich ein Ansatzpunkt. Die Medien mit ihren (oft) halbgaren Informationen, die für ihre Arena Sensationen suchen und damit gefährliche Illusionen nähren, erfüllen hier eine wichtige Funktion. Durch sie erhalten die in der Regel Isolierten zwei wichtige Informationen:  

  1.     Ihr Zustand lässt sich benennen, und

  2.     sie sind nicht die einzigen.

Selbsthilfegruppen können dann zum Auffangbecken werden.

Das Coming-out vor sich selbst, das Sich-selbst-erkennen wird so zum Wendepunkt, der nur der Anfang eines langwierigen Prozesses sein kann. Durch die Geheimhaltungs- und Verzögerungspolitik der Mediziner und Juristen werden im Verfahren an sich falsche Schwerpunkte gesetzt. Hormone und Operationen sind v. a. deshalb so bedeutend, weil sie zunächst kategorisch verweigert werden.

In der Hauptsache kommt es jedoch darauf an, sich in der empfundenen Rolle zu behaupten, sich in ihr öffentlich durchsetzen zu können. Und dabei kommt den medizinischen Eingriffen ein geringeres Gewicht zu, als allgemein (und auch von den Betroffenen selbst) angenommen wird. In der Quintessenz ist es wichtiger, die häufig ungewohnte Fremdsprache der anderen sozialen Rolle zu erlernen. Das lässt sich nicht im stillen Kämmerlein verbergen, sondern kann nur mühsam erlernt werden. Erlebnisse, wie andere auf die Betroffenen in der empfundenen Rolle reagieren, schlagen sich in Erfahrungen nieder. Das bedeutet keinesfalls, dass die Betroffenen jeder Kritik von außen folgen müssen.

Sie müssen im transidenten Prozess ihre Erfahrungen begreifen („Warum ist mir das passiert?“) und sie verarbeiten (z. B. „Aber das nächste Mal …“ oder „Was schert mich die Meinung von XY!“ usw.). Einen Zeitplan, der sich pauschalisieren lässt, gibt es nicht. Jede/r Betroffene benötigt eine unterschiedliche Zeit, bei der ein Drängen genauso falsch ist wie ein (ewiges) Hinauszögern. Dass noch Reflexionen und Auseinandersetzungen mit sich selbst nötig sind, erkennen Betroffene an ihren eigenen Unsicherheiten. So wird beispielsweise das Aufsuchen der richtigen Toilette am Anfang zu einer Mutprobe, was sich jedoch mit der Zeit gibt. Sobald dieser Teil des Lebens alltäglich geworden ist, ist die Hürde überwunden.

Der in der (medizinischen) Fachliteratur verwendete Begriff „Alltagstest“ verdeckt wesentlich mehr als er zeigt. Das Leben in der empfundenen Rolle ist kein Test, den Betroffene für Mediziner absolvieren, sondern der Hauptteil des eigenen Lebens. Stattdessen spreche ich lieber vom Coming-out und vom transidenten Prozess, weil mit ihnen deutlich wird, dass die Betroffenen diesen Weg nur für sich und durch sich bewältigen können.

In gewisser Weise lässt sich der transidente Prozess mit einer zweiten Pubertät vergleichen. Die heiß ersehnten Operationen werden zum „Tüpfelchen auf dem I“, sind aber in ein umfangreicheres Lebenskonzept integriert.

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