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Aufklärende Fragen zur Transsexualität

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Vita Harumi Michelle,

"Auf dem Weg zur Frau"

~Lebensweg einer Frau,

die nicht als Frau geboren wurde~

Teil 5

"Ich bin und mein Leben ist Harumi Michelle!"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Teil 5

Allgemeine Gefühle, Empfindungen und Erfahrungen

Die ganzen Jahre vorher träumte ich davon, eine Frau zu sein, ohne je daran zu glauben, dass es Wirklichkeit werden könnte. Lange Zeit glaubte ich ja nicht im Entferntesten an eine Transsexualität meinerseits, hatte nicht mal einen Namen dafür. Ich lebte mit der Modelleisenbahn und für den Verein, betäubte somit unbewusst meine Prägung, kurze Ausflüge in das "Frausein" reichten. Kaum war die Modellbahn nicht mehr Hauptinhalt meines Lebens, erwachte wie im Sturm mein wahres ICH. Die Angst erkannt zu werden, das öffentliche Bekenntnis, dass ich anders bin, wurde mehr und mehr nebensächlich, spielte bald keine Rolle mehr. Harumi "durfte" dann endlich auch ganz offiziell raus, weil Harald sie nicht mehr zurückhalten konnte...

Ich hatte es zugelassen, ohne eine genaue Vorstellung zu haben, wie mein weiterer Weg aussehen wird. Ich suchte mich bei meinem Coming-out ja immer noch selbst. Angetrieben wurde ich von der Gewissheit, dass ein Leben wie bisher nicht mehr weiter funktioniert, es war ausgereizt. 

Ich lernte schnell, wenn du nun bereit bist und es "wagen" willst, in die Öffentlichkeit zu gehen, rechne mit Allem. Die Gesellschaft kann grausam sein, muss sie aber nicht! Je besser du vorbereitet bist, desto besser klappt der erste "Ausgang". Sich als biologischer Mann als Frau außer Haus zu bewegen, das ist ein extremes Gefühl, der Adrenalinspiegel steigt ins Unermessliche. Wie reagieren die anderen Passanten auf mich, spricht mich wer an, lästert einer über mich? Kann es mir nicht egal sein, wenn so etwas passiert? Natürlich, aber diese Hemmschwelle muss erst einmal überwunden werden. Je öfter man als Frau unterwegs ist, desto mehr Erfahrungen sammelt man. Es geht einem am Allerwertesten vorbei, wenn sich andere umschauen oder Sprüche machen – es wird "normal". Je weniger Anlass du den Anderen gibst, dich näher zu mustern, um so weniger fällst du auf. Und wenn dann das Passing perfekt ist, ist man auch als Trans-Frau fast nicht mehr auszumachen. Ich genieße es heute, wenn man nun hinter mir her schaut und sich eventuell anerkennend äußert (da bin ich nicht anders als die Biofrauen auch). Ich bin "Vollzeitfrau" und mein Leben nun voll und ganz als Frau, ist für mich das normalste von der Welt geworden. Ich bin wirklich ICH, anerkannt als Frau, und lebe, als wäre das schon immer so gewesen. Endlich lebe ich meine wahre Identität! 

Es wäre für alle Betroffenen noch schöner und vor allem dieser Schritt einfacher, wenn nicht immer wieder Angriffe gestartet würden von Leuten, welche ihre eigene sexuelle Identität gefährdet glauben, wenn heteronormative Grundregeln ins Wanken geraten.

 

Das Gefühl, als ich die ersten Male ohne "schützende" Maske en-femme in die Öffentlichkeit ging war weiß nicht. Wenn ich an meine damalige Zusammenstellung der Kleidung, das Make-up und die Perücke denke, wird mir allerdings noch heute ganz flau, es ist fast grausam. Aber trotzdem habe ich es gemacht. Eine gewisse Übung hatte ich ja schon und war mir meiner Sache nun auch recht sicher. Manche haben gelacht, andere haben mich wie einen Paradiesvogel beäugt, auch nicht gerade nette Bemerkungen sind gefallen und dann gab es da ja auch welche, die mich böse beleidigten. Ich weiß von Betroffenen, dass sie damit sehr große Probleme haben. Natürlich ist es hart, so etwas einzustecken. Aber da musste ich durch, ich wollte es doch, mein neues Leben! Ich hatte den ersten Schritt gewagt und warum sollten nun nicht die nächsten folgen? Bei einem Zurück hätte ich mich eh' aufgeben müssen! Ich hatte keine andere Alternative. Also habe ich analysiert, warum die Menschen mich gleich als etwas "Außergewöhnliches" ausmachen. Was muss ich verändern und besser machen, damit ich so wenig wie möglich auffalle. Ich habe an meinem Auftreten gearbeitet und bin immer wieder in die Öffentlichkeit gegangen und der Erfolg gab mir Recht, negative Erlebnisse wurden schnell immer seltener. Wenn ich aber ganz ehrlich sein soll, ein recht dickes Fell sollte man doch schon haben, um daran nicht gleich zu kapitulieren. Sehr hilfreich sind hier liebe Freundinnen, die einem immer wieder Mut machen und auch ehrliche Ratschläge geben.

Aber wenn ich heute, ein paar Jahre nach meinem Coming-out, darüber nachdenke, so fremd war mir das alles ja gar nicht. Vom Gehirn her bin ich eine Frau. Ich musste nur meine erworbenen männlichen Eigenschaften ablegen und meine Weiblichkeit voll und ganz aktivieren. Sicherlich gab es auch vieles zu erlernen, gerade im allgemeinen Umgang war vieles neu. Da kam mir eine meiner Eigenheiten sehr zu Hilfe; ich beobachte und studiere schon immer gern die Umgangsformen der einzelnen Menschen.    

 

Drei Angleichungsoperationen habe ich bisher über mich ergehen lassen. Oft wurde ich gefragt und erntete teilweise auch Unverständnis, wie man nur freiwillig ins Krankenhaus gehen und sich dann auch noch operieren lassen kann. Alle diese OPs waren OPs, die ich selbst gewünscht und organisiert hatte und die ich auch selbst bezahlen musste. Ich würde sie bei Bedarf, auch trotz der aufgetretenen Probleme bei der dritten OP, immer wieder machen lassen. Sie waren für mich psychisch von nicht zu unterschätzendem Wert, haben sie doch ein optimales Passing gebracht und gerade das ist ja unser Wunsch, nicht mehr als "anders" identifiziert zu werden. Leider ist nicht jeder Betroffenen das Glück hold, sich dies leisten zu können. Oder man ist noch jünger und nicht so männlich geprägt und muss deshalb noch nicht zu dieser Maßnahme greifen. 

Seit Mitte September 2009 verzichtete ich nun auch auf Perücken, obwohl im Scheitelbereich und am Wirbel die neuen Haare noch recht dünn waren. Niemand hat daran bisher Anstoß genommen. Bei einer Frau in den Wechseljahren und in etwa in diesem Alter bin ich ja, ist das schon mal möglich. Das hieß aber auch, erst mal auf die geliebten langen Haare zu verzichten. Es dauerte einige Zeit, bis meine echten Haare entsprechend lang und voll geworden sind. Aber ich wurde halt als Frau angesehen und da hat sich dann auch keiner an meiner Frisur gestoßen. Einfach toll und auch selbstbewusstseinssteigernd! 

Wenn ich heute in den Spiegel schaue, dann sehe ich eine Frau, mich, Harumi Michelle. Sie lächelt mich liebevoll an und wenn ich dann noch in Gedanken verfalle, wie Harald mich noch vor einigen Jahren im Spiegel angesehen hat, da kann ich es oft kaum fassen, wie ich mich in einer relativ kurzen Zeit verändert habe. Mich überwältigt ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Ich bin wirklich eine Frau und hin und wieder kullert dann auch schon mal eine Freudenträne. Es ist wirklich so! Oft streichele ich auch über meine Brüste und freue mich über meine beiden "Lieblinge", sind sie doch das Aushängeschild für das Begreifen der Weiblichkeit.

Dem, was die Natur mir nicht gegeben hat, dem habe ich also nachgeholfen. Dazu zählt auch das Permanent-Make-up. Mit meinen Augenbrauen und Wimpern war ich nie zufrieden, zumal sie weiß sind. Es sieht jetzt super aus, ist zwar nicht ganz billig, aber das Resultat rechtfertigt die Ausgabe. Das bin ich mir wert. Wie jede Frau möchte ich schön aussehen und die Komplimente, die ich bekommen habe, sind Balsam für die Seele. 

Kaum zu glauben, wie lange ich in der Anfangszeit, als ich dann offiziell outdoor war, zum Schminken brauchte und bis ich so auch mit meinem Aussehen zufrieden war. Es war eine Entwicklung und Erfahrung, die ich gern erlebt habe. Ich musste in kurzer Zeit das können, was jedes junge Mädchen über Jahre Stück für Stück erlernt. Und dazu kommt, es war ein männliches Aussehen gekonnt in ein weibliches zu verwandeln, betrachtet vor der chirurgischen "Nachhilfe". Heute, seit ich regelmäßig zur Kosmetik gehe und auch Wimpern und Augenbrauen färben lasse, genügt bei Bedarf ein kurzer Strich mit dem Kajalstift als Ergänzung, etwas Rouge oder Wimperntusche und alles ist perfekt.

Mein Haarwuchs auf dem Kopf hat sich auch prächtig entwickelt. Mir kommt es manchmal fast so vor, als ob ich das Wachsen fast sehen könnte. Durchschnittlich wächst das menschliche Kopfhaar ca. 1 cm pro Monat, bei mir geht das wohl etwas schneller. Meine geliebten langen Haare hatte ich recht bald wieder. Oft werde ich um mein auch recht volles Haar beneidet und vielen drängt sich dabei die Frage auf, ob das nun alles durch die weiblichen Hormone kommt. Ich weiß es nicht. Sicherlich tragen sie mit dazu bei, aber ich nahm noch zusätzlich ein Haarwuchs steigerndes Mittel: bekanntgeworden unter dem Namen Propecia mit dem Wirkstoff Finasterid. Es reicht 1 mg täglich, eine höhere Dosierung ist nicht erforderlich, soll auch nichts weiter bringen. Dieser Wirkstoff darf nur bei biologischen Männern angewendet werden, ist verschreibungspflichtig und nur auf Privatrezept zu bekommen. Ich nahm dieses Präparat unter dem Namen FinaHAIR von Hexal. Das ist ca. 30 Euro billiger als das Originalpräparat, aber mit etwas über 120 Euro die 3-Monats-Packung für viele doch noch recht teuer. Es funktioniert nur bei noch nicht abgestorbenen Haarwurzeln und die ersten Ergebnisse stellen sich so nach ca. 6 Monaten ein, eine Garantie für Erfolg wird aber nicht übernommen. Auf den restlichen Haarwuchs am Körper hat das Präparat glücklicher Weise keinen Einfluss. Wie gesagt, bei mir hat es funktioniert. So lange noch Testosteron im Spiel ist, muss es auch ständig weiter genommen werden, sonst ist die "Mähne" wieder dahin. Nach meiner Ga-OP habe ich dieses Präparat nicht mehr genommen, die Haare sind aber nicht wieder ausgefallen. Meine Friseuse hat mir bestätigt, meine Haare sind gesund und nicht geschädigt. 

 

Ich hatte nun endlich den Schritt getan, habe mich geoutet und es nicht bereut. Es war das Beste, was ich diesbezüglich machen konnte. Mein weiblicher Charakter ist stärker und gefestigter geworden. Weder Rock, Nylonstrümpfe noch Pumps machen aus mir biologisch gesehen eine Frau. Biologisch bleibe ich ein Mann und kann trotz geschlechtsangleichender Maßnahmen nie eine biologische Frau werden. Meine weitere Entwicklung und die Geschlechtsangleichung lief in Richtung "Gesamtprogramm". Alles andere wäre nur eine halbe Sache gewesen und eine Verleumdung meiner selbst! Wichtig war für mich, dass ich mich nicht nur als Frau fühle, sondern eine Frau bin, auch so anerkannt und akzeptiert werde und das in allen Situationen. 

Durch mein starkes und vor allem selbstbewusstes Auftreten in der Öffentlichkeit nehme ich heute jedem, wenn ich überhaupt noch als Trans* erkannt werde, die Angriffsfläche für Spott. Ich habe den Mut bewiesen, indem ich zu meinem Sein, zu meiner wahren Identität und vor allem zu meinen Gefühlen stehe. Nichts muss ich mehr heimlich machen, brauche keine Angst mehr haben, entdeckt zu werden. Meine Partnerin und ich führen eine vertrauensvolle Ehe/Partnerschaft, die obendrein auch noch funktioniert, ohne Heimlichkeiten! Ist das nicht ein wunderbares Gefühl? 

Ich lebe heute meine wahre Identität, lebe mich selbst und ich fühle mich wieder wohl in meiner Haut. Das macht mich glücklich, lässt mich zufrieden und neugierig jeden Tag erleben, als wäre ich neu auf dieser Welt. Für mich habe ich mein unbeschreibliches Glück gefunden, obwohl mich hauptsächlich in der Vergangenheit öfter niederschmetternde Ereignisse oder das Unvermögen Einzelner, mich als TS so zu akzeptieren wie ich bin, psychisch schwer erschütterten. Trotzdem liebe ich mein neues Leben und will es gegen nichts in der Welt wieder eintauschen! 

Mit einer Psychologin zusammen hatte ich am Anfang meiner Transition mal versucht zu analysieren, warum gerade viele Männer, das angebliche sooo starke Geschlecht, extrem machohaft reagieren bzw. sich gebärden müssen, wenn sie direkt und bewusst mit einem Menschen wie mich zusammentreffen. In der Regel, oder besser gesagt, meist habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sich hier um Menschen handelt, die in uns eine direkte soziale Bedrohung sehen. Sie treten dann meist als enthemmter Egomane auf, ohne dabei zu merken, dass sie gerade erst dadurch beweisen, wie unfähig sie sind, ihre eigenen Probleme mit sich selbst und mit ihrem sozialen Umfeld zu bewältigen. Von mehreren dieser Menschen, deren Vergangenheit und Umfeld ich kenne und die so oder ähnlich mir gegenüber auftreten bzw. aufgetreten sind, haben scheinbar ein unbewältigtes Trauma aus früherer Zeit, oder sind gefangen von gesellschaftlichen Erwartungen und Zwängen. Und nun merken sie, da ist jemand, der mit allen Schranken bricht, sich über Dogmen der Gesellschaft hinwegsetzt und so lebt wie er sich fühlt und ist, und dieser Mensch ist dabei auch noch richtig glücklich damit. Diese Erfahrung habe ich allerdings auch vereinzelt mit Frauen machen müssen. Am häufigsten ist mir dieses Auftreten im beruflichen Umfeld und bei Mitgliedern des Modellbahnvereins, in dem Harald mal Mitglied war, aufgefallen.

 

Um eine oft gestellte Frage zu beantworten; "Jaaa, ich würde es immer wieder machen, diesen wenn auch sehr, sehr steinigen Weg wieder gehen, immer wieder nur, ich würde viel früher damit anfangen und nicht mehr so lange immer wieder versuchen und versuchen. Gebracht hat es nichts, es hat alles aus meiner Sicht nur noch mehr verkompliziert! Ich bin zwar in der Entwicklung reifer, aber ich habe sehr viel kostbare Lebenszeit eigentlich verplempert, zwar nicht sinnlos, aber doch regelrecht verplempert."

 

Für die Seele viel zu lange dauerte meine Transition, jeder einzelne Schritt. Besonders schmerzlich und psychisch belastend waren die vornehmlich behördlichen fast endlosen Wartereien.

Dann war ich endlich das, ich meine auch behördlich, was ich schon immer war, eine Frau, Harumi Michelle. Alle Formalitäten waren umgestellt. Aber noch immer wollte sich ein richtiges weibliches Körpergefühl nicht einstellen, weil eben daran noch das entscheidende meiner körperlichen Veränderungen fehlte. Trotzdem, ich lebte, nein, WIR lebten, meine Partnerin und ich. Wir leben heute glücklicher und zufriedener miteinander als die ganzen Ehejahre zuvor. Harald und sein ganzes Leben konnten wir getrost, aber auch zufrieden im Archiv meiner Lebensgeschichte aufnehmen. Meine Ehepartnerin lebt nicht mehr mit der Ungewissheit, was mit mir ist und ich lebe nicht mehr mit der Ungewissheit, wie ich weiterleben soll. Es war ein nicht immer leichter "Sichverstehen-" und Akzeptieren-Prozess. Aber es hat bis heute funktioniert und sollte hoffnungs- und beispielgebend auch für Andere sein! Mit ein bisschen Willen und Glaube daran ist es möglich. Wie gesagt, wir haben uns nach dieser Erkenntnis im wahrsten Sinne des Wortes mal wieder zusammengerauft, bei da nunmehr fast 25 Ehejahren. Wir machen weiter und ein Ende ist nicht absehbar.... 

 

Mitte März 2010 hatte ich meine 3. angleichende Gesichts-OP. Sie hätte ich fast mit dem Leben bezahlt durch eine aufgetretene Medikamenten-Allergie. Trotzdem machte mich das nicht ängstlich vor den noch anstehenden OPs. Jede OP ist ein Risiko! Die Aufarbeitung dieses "Zwischenfalls" hatte mich sogar psychisch wieder stark gemacht. Ich wusste doch was ich will! Ich kannte meinen Weg, auch dass ich auf keinen Fall aufgeben werde, trotz aller Hindernisse. Durch meine eigene Kraft kann ich heute so leben, wie ich mich verstehe und fühle und das trägt mich durch jedes Höllenfeuer, allen Widrigkeiten zum Trotze.

Ende Juni 2010 stand die eigentlich wichtigste OP an, meine Ga-OP. Es waren bald nur noch wenige Tage bis dahin und ich freute mich riesig darauf. Ich war am Ziel meiner Träume! In Gedanken liefen noch mal die verschiedensten Episoden meines Lebens ab. Vieles würde anders werden bzw. ist schon anders geworden. Mein Montageleben musste ich aufgeben, weil das Umfeld nicht mehr passte, aus dem Modelleisenbahnverein wurde ich ausgeschlossen, weil die Mitglieder mit einem transidenten Menschen "überfordert" waren, die Modelleisenbahn selbst ist längst nicht mehr mein Freizeitmittelpunkt. Auch körperlich wurde nun endgültig einiges anders. Ich wollte das und deshalb ist es müßig, darüber zu lamentieren. Schon lange sah und verstand ich mich als Frau, lebte dann so und genieße heute die volle Akzeptanz. Die Ga-OP war das Finale meiner Transition, der letzte noch fehlende Baustein bei meinem Identitätswechsel. Trotz der ganzen Schwierigkeiten, Rückschläge u.a. ist alles noch gut geworden. Ich lebe und bin richtig glücklich! Die Seele hat meinen Körper akzeptiert und liebgewonnen. 

 

Bisweilen glaubte ich aber schon kaum noch daran, dass dies je Realität werden könne. Zu groß waren die Enttäuschungen, das "Immer-Wieder- und Wieder-Verzögern", Termine, die sich in Luft auflösten und daraus resultierende psychische Probleme, die sich nur noch sehr schwer beherrschen ließen. Und ein Ende dessen war kaum absehbar!

(Einen eventuellen Selbstmord beispielsweise durch die Eisenbahn hatte ich aber fast immer ausgeschlossen, auch wenn mir öfter danach war. Was kann der arme Triebfahrzeugführer für die Probleme der Anderen? Das muss man ihm nicht antun. Ich selbst hatte in meiner bisherigen Tätigkeit selbst immer eine höllische Angst, dass sich ein Selbstmörder vor meinen Zug wirft.) 

Der Verstand sagte mir oft: "Du bist noch nicht dran, du musst noch warten!" Aber was hilft das, wenn die Seele anderer Meinung ist??? Die Seele konnte nicht mehr warten, sie schrie nach körperlicher Angleichung! Alles andere war Augenwischerei! 

Das, was ich nie für möglich gehalten hatte, dass ich mal psychisch nicht mehr weiter konnte, praktisch am Boden lag, das hatten Ärzte, Krankenkasse und der MDK fertig gebracht. Als ich "angetreten" war, gesagt habe, ja, ich gehe den Weg der Transformation, war ich allseits psychisch gefestigt und es gab diesbezüglich auch keine etwaigen Probleme. Dann die Frage nach dem Glück. Warum sollte ich auch jemals richtiges Glück haben? Doch, das Glück gibt es noch, ich habe es gefunden!!!

 

Die Stunden vor der OP in der Frauenklinik in München war ich ganz ruhig. Wirklich nichts konnte mich aus der Ruhe bringen. Auch die Nacht davor brauchte ich keine Beruhigungstablette und habe geschlafen wie ein Murmeltier. Ich war einfach nur glücklich, endlich am Ziel meiner Träume zu sein. Vor irgendwelchen Komplikationen hatte ich keine Angst, sollte doch etwas passieren, kann ich eh' nichts machen, wie schon bei der 3. Gesichts-OP. Bei Dr. Schaff fühle ich mich in sicheren Händen. 

Jedem kann ich immer wieder nur sagen, ich habe nichts bereut, ich bin glücklich, jeden weiteren Schritt gewagt zu haben. Harumi ist, und das bin ICH! Nichts anderes zählt mehr. Freundinnen oder Bekannte, die mich einige Zeit nicht mehr gesehen hatten, bestätigten schon gut 3 Wochen nach der Ga-OP, dass ich noch viel glücklicher und zufriedener aussehe als vorher – ich habe mich wirklich nur zu meinem Besten verändert. 

(Eine kleine Empfehlung für die, die die OP noch vor sich haben: Vor schon mehreren Jahren hat eine erfahrene Psychiaterin in einem Rundgespräch, da ging es weder um Transsexualität noch um mich, angeregt – und das auch für Erwachsene – bei schwierigen, unsicheren o.ä. Lebenssituationen etwas Liebgewonnenes, ein Kuscheltier oder so, beizuhaben. Ich hatte meinen Pluto, ein liebes "Mitbringsel" von Mitte der 1990er Jahre aus dem Euro-Disney-Resort in Paris, dabei. Er war schon während meiner Transition immer der, dem ich alles erzählen konnte und er schaute mich dann immer mit seinen treuen großen Kulleraugen an. Ich brauchte ihn eigentlich in München nicht, aber er war bei mir und gab mir Wärme. Was für Kinder gut ist, kann für Erwachsene auch nicht schlecht sein und da ist viel Wahrheit dran, glaubt mir! Großkotzige, die das jetzt hier lesen werden, werden natürlich darüber lachen. Aber ich habe viele Großkotze kennengelernt, heute trauen sie sich nicht mal mehr, mir in die Augen zu sehen, oder nehmen gar Reißaus ach wie klein sie doch in Wirklichkeit sind.) 

Nun habe ich auch die Nach-OP bei Dr. Schaff in München hinter mir. Ich habe mein Ziel also voll und ganz erreicht. Ich bin wirklich eine Frau, alle Papiere sind geändert, nur bei unserer berichtigten Heiratsurkunde gab es anfänglich noch urkundliche Probleme. Unsere Ehe ist durch diese Veränderung nun nicht mehr Schema "F" und da musste erst mal im Amt geprüft, geforscht und vielleicht auch noch geübt werden. So häufig ist diese Konstellation ja in Deutschland auch nicht. Der Gesetzgeber hat zwar klargestellt, dass nicht mehr wie früher üblich, die bisherige Hetero-Ehe geschieden und eine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft neu gegründet werden muss, also Schutz der Ehe wie im Grundgesetz verankert, er hat aber nicht gesagt, wie das urkundlich aussehen soll.

Bei meiner Nach-OP in München hatte ich das Zimmer in der Frauenklinik in der Taxisstraße mit Felina, einer noch sehr jungen Transsexuellen geteilt. Seit 3 Jahren nimmt sie bereits gegengeschlechtliche Hormone und sieht sehr weiblich aus. Auch ihre Stimme war noch nicht allzu männlich ausgebildet. Sie erzählte mir, wie es ihr in der Schule ergangen war, wie sie den Identitätswechsel durchlebt hatte. Großes Glück hatte sie, dass sie im Elternhaus nicht gemaßregelt wurde und selbst entscheiden konnte, wie sie ihre Transition gestalten wollte. Ich habe viele Betroffene, auch noch sehr junge, kennengelernt, bei denen der Kontakt mit den Eltern auf Grund der Transsexualität aufgekündigt wurde. Ihr blieb das erspart wie auch größere Probleme mit der Akzeptanz im Gymnasium. In diesem Zusammenhang habe ich mir dann auch Gedanken gemacht, wie wäre es wohl gewesen, wenn ich viele Jahre früher zu meiner Transsexualität gestanden und mich offenbart hätte. Ich denke, einiges wäre vielleicht einfacher, anderes aber bestimmt noch komplizierter gewesen, die Gesellschaft war noch nicht so weit. Meine Zimmernachbarin hatte das Glück, in eine andere, doch schon reifere Gesellschaft geboren zu sein und sie ist ja schon fast wie ein Mädchen aufgewachsen. Ihr bleiben dadurch sicherlich auch Vergleiche zu ihrer "männlichen" Vergangenheit erspart. Aber auch das quälende Doppelleben musste sie sich nicht antun. Ich gönne ihr das natürlich von ganzem Herzen. Es machte mich aber im Nachhinein auch traurig, denn da war wieder das Wissen um Jahre, die ich womöglich früher so glücklich hätte leben können wie heute. Und die Zeit kommt nie wieder zurück! Eigentlich dachte ich, dieses Thema psychisch längst "abgearbeitet" zu haben, aber es kommt dann doch immer mal wieder hoch. Trotzdem freue ich mich, sie kennengelernt zu haben, denn ihr Weg war so ganz anders als meiner und ich konnte auch Erfahrungen sammeln, wie ein so junger transidenter Mensch heute damit umgeht.

Liebe Felina, auch wenn wir uns wahrscheinlich nie wieder begegnen werden, ich wünsche dir alles Glück der Welt für dein weiteres Leben!

Dann hatte ich noch mal eine sogenannte Schönheits-OP als "Finale" für mein weibliches Aussehen. Es wurde fast haargenau das erreicht, was ich mir gewünscht hatte, einfach TOP. Äußerlich bin ist nun endlich auch genau wie eine Biofrau, nichts verrät mehr ein ehemals männliches Geburtsgeschlecht. Immer wieder, wenn ich sinniere ‒ im privaten wie auch im beruflichen Leben ‒ es ist einfach unglaublich, wie glücklich ich bin und nun auch sein kann. Oft kommt es mir vor, dass ich glaube, es sei immer noch ein Traum und ich muss mich dann irgendwie kneifen. So viel Glück lässt sich einfach nicht in Worte fassen!

Ich lebe das Glück, jeden Tag genieße ich! Eigentlich sind die Tage heute alle viel zu kurz. Es gibt so viel zu leben ‒ jede Kleinigkeit ist etwas Großes. Und wenn es mal wirklich nicht so gut aussieht, dann muss man halt immer noch das Beste daraus machen, Lebensmut ist die Formel. (Ist natürlich jetzt leicht gesagt, bis hier her ist es ein weiter und vor allem schwerer, bisweilen sehr schwerer Weg. Aber ich will hiermit auch Mut machen, will anspornen, nicht aufzugeben. Dass das geht, denke ich, bin ich ein gutes Beispiel!?!) 

Bis vor nicht all zu langer Zeit, so bis etwa 2009, war jeder Ausgang aus den "sicheren" vier Wänden noch ein relatives Highlight. Eine gewisse nervliche Anspannung ließ sich nicht verleugnen. Heute ist mein weibliches Leben in jeder Situation völlige Normalität. Von Anfang an, ab meinem Coming-out, habe ich mich nicht mehr abgeschottet und bin bewusst unter Menschen gegangen, habe das allgemeine Leben gesucht. So konnte ich die Weiblichkeit relativ schnell "erlernen", das umsetzen, was eine Frau alles von den Umgangsformen eines Mannes unterscheidet, aber ohne übertrieben weiblich zu wirken. Denn gerade die gezwungene übertriebene Weiblichkeit, finde ich, wie sie nicht wenige MzF-Transsexuelle an den Tag legen, verrät ihren Wechsel der Identität. Meine Natürlichkeit ist dabei nicht auf der Strecke geblieben und genau das hat mir viele Sympathien eingebracht, nimmt den Menschen die Berührungsängste, die Scheu vor dem "Unbekannten", wenn sie um meinen Wechsel wissen. ‒ Ja, macht sie sogar neugierig!

Ich lebe nun mein weiblich geprägtes Leben, als wäre es schon immer so gewesen. Ich kann endlich wirklich Frau sein, so auftreten und werde auch entsprechend geachtet. Sicher unterscheidet sich mein Leben an einigen Stellen von dem einer biologischen Frau. Mein Körper hatte nun mal eine biologisch männliche Entwicklung. Trotzdem bin ich überglücklich. Oft überkommen mich auch heute noch wahnsinnige Glücksgefühle. Diese Gefühle sind unbeschreiblich. Selbst wenn ich sie schildern soll, ich bekomme das einfach nicht hin, so unbeschreiblich sind sie.     

 

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Viele halten Transidentität eine Mode-Erscheinung, da sich Berichte häufen und auch Fälle im Umfeld immer häufiger bekannt werden. Aber das ist es sicher nicht. Nur die Gesellschaft hat sich verändert. Früher hatte man keine Chance sich zu outen und dann auch noch Hilfe zu bekommen. Bis in die 1980er Jahre war es fast gar nicht möglich, irgendwelche Informationen zu erhalten. Als dann in den 1990er Jahren die Talkshows das Thema Trans* für sich entdeckt haben, bekamen viele Transidente zum ersten Mal Informationen darüber, dass es ja noch andere Menschen gibt, die das gleiche Problem haben, und dass es Hilfe gibt. Vor allem das Internet ist zu einer Informationsplattform geworden, in der sich Menschen anonym über das Thema informieren und auch Hilfe suchen und finden können.

Ich habe erst durch das Internet erfahren, dass es mehr Betroffene in meiner Umgebung gibt, als ich mir je hätte träumen lassen. Transgender im Allgemeinen sind mittlerweile ein Stück unserer Alltagskultur geworden! Auch wenn es viele Zeitgenossen immer noch nicht wahrhaben wollen. Wir alle sind nur ein kleiner Teil der bunten Vielfalt in dem großen Zoo, in welchem jeder seinen Platz hat. Wir lassen uns nicht an den Rand der Gesellschaft drängen. Geoutet oder nicht, wir stehen unseren Mann, respektive Frau und das, obwohl uns das Leben wesentlich mehr Disziplin abverlangt als anderen Menschen, ob als Transvestit, ein Wanderer zwischen den Geschlechtern, oder transidenter Mensch, der sein gefühltes Geschlecht leben will. Besonders während der Tansition, irgendwo im Nirgendwo stehend, zwischen allen Stühlen sitzend! Sind wir Fremde auf dieser Welt???   Nur wenn wir uns dazu machen lassen. Wir sind ein Stück menschlicher Normalität! Menschen wie uns hat es immer gegeben und wird es immer geben.  

Warum werden wir von Euch Männern und Frauen, die Ihr dann vielleicht noch zu günstigen Anlässen in die Gotteshäuser rennt, um um Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu bitten, gequält und gedemütigt? Mir hat man mal in der Christenlehre erklärt  ̶  ja, ich wurde getauft und auch konfirmiert  ̶  wir alle sind Geschöpfe Gottes! Immer wieder können wir aber Ausgrenzungen durch andere Christen oder Kirchen erleben. Ausgrenzungen geschehen häufig, wenn ein Mensch irgendwie anders ist, als die sogenannte "gesellschaftliche bzw. religiöse Norm". Predigt Ihr doch nicht immer, alle Menschen sind von Gott geschaffen, in all ihrer Vielfalt? 

Das beste Beispiel sind meine eigenen Erfahrungen mit "ehrenwerten" Mitmenschen und darunter sind auch nicht wenige sogenannte Christen! Erst diese Scheinheiligkeit hat mich zum Atheisten werden lassen.

 

Das ständige Versteckspielen, das Vorgaukeln einer Identität, die ja gar nicht meine innerste ist, haben so viel meiner Kraft gekostet, dass ich mit zunehmendem Alter immer mehr an meine Grenzen gestoßen bin. Es kam dann der logische und schon lange überfällige Entschluss, reinen Tisch zu machen und mein Leben neu zu organisieren. Die Prioritäten wurden neu gesetzt. Harumi Michelle ist für mich der einzig gangbare Weg zur, wie soll ich sagen, Befriedigung meiner Seele geworden. Das Leben endlich aus weiblicher Sicht sehen und verstehen, das ist das, was mir vorher immer gefehlt hatte bzw. was ich unterdrücken musste. Aber es ist die Wahrheit, die mich zur Ruhe kommen lässt. 

So wie diese meine Entwicklung ist, ist auch die Entwicklung vieler anderer Transsexueller gleich oder in den Grundzügen ähnlich verlaufen. Symptomatisch dafür sind die Ausführungen in ihren eigenen Homepages.

 

Eine kurze Zusammenstellung von Daten und Fakten ist meine transsexuelle Kurzchronik

Ausführliches, Empfindungen, Erfahrungen findest Du, von Zeit zu Zeit ergänzt in meinem kleinen Tagebuch.

Bilder machen ist so mit das Größte und ich glaube, das ist bei den meisten TG, TV aber auch TS so. Es ist immer wieder eine große Herausforderung, so echt wie möglich auf den Bildern zu erscheinen. Früher, als ich Harald sein musste, habe ich mich nie gern fotografieren lassen. Deshalb gibt es aus dieser Zeit kaum Fotos. Mein Aussehen gefiel mir nicht sonderlich gut und ich fand mich schon gar nicht fotogen. Meinen Körper versuchte ich meist durch Kleidung zu verschleiern. Heute liebe ich meinen Körper und muss ihn auch nicht mehr verstecken. Andere sollen schließlich ebenfalls etwas von meinen weiblichen Reizen sehen. 

Ich schau mir gerne meine Bilder an, die Stimmung dabei ist nur schwer zu erklären. Bei einem Coming-out können Bilder sehr hilfreich und unterstützend sein. Für später dokumentieren sie ja auch die eigene Entwicklung. Fotos von anderen Schwestern werte ich teils kritisch, teils neidisch.

Ich habe auch ein paar umgearbeitete Bilder von alten Negativen eingestellt. Trotz der nicht sonderlich guten Qualität denke ich, sollten sie hier mit gezeigt werden. Bilder von vor 20 bis 30 Jahren zeigen nicht viele. Sie sind aber ein Stück persönliche Entwicklungsgeschichte und oft auch mit großen Aufwendungen produziert worden, zumal sie nicht im Zeitalter der digitalen Technik entstanden. Und, oberstes Gebot war ja immer eine gewisse Geheimhaltung!

 

Über meinen Weg wird hier, so wie ich ihn erlebt habe, immer wieder weiter berichtet!

Einige Bilder hier können auch vergrößert werden, einfach nur anklicken

Teil 5: überarbeitet bzw. ergänzt am 17.03.2018 (neue Erkenntnisse und Informationen wurden an entsprechender Stelle eingefügt)

 

Harumi Michelle

So, und nun mal aufgerafft und raus aus der Wohnung; das Leben wartet auf Euch...

 

Der anfängliche Traum vom "Frausein" wird immer mehr zur Wirklichkeit  

© H. M. Waßerroth

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