www.Harumi-Michelle.de

Teil 5 - Rentenalter

Teil 5.1 - ab der Beerdigung meiner

            lieben Ehefrau

 

 

Eintrag 25.02.2024

Ich sitze hier nun allein zu Hause in unserer neuen Wohnung und nichts kann mich motivieren. Der Haushalt wird, soweit notwendig, geführt, aber weiter ist da eben nichts. Alles ist leer und erscheint nutzlos. Das Gefühl, das mich immer wieder befällt, suggeriert mir, dass meine Astrid ja gar nicht weg ist. Sie ist nur mal eben nicht zu Hause. Dieses Gefühl kann ich nicht beschreiben, auch nicht in Worte fassen. Es fühlt sich nur extrem eigenartig an. Manchmal denke ich, ich bin durch die Leere durch und fasse wieder Mut. Aber nicht lange, da trifft mich dann wieder die Einsamkeit. Meine Seele will einfach nicht akzeptieren, dass meine Astrid nie wieder zurück kommt. Ich fühle mich verlassen und vergessen. Der Lebensinhalt ist weg. Außer schönen Erinnerungen und vielen Tränen ist nichts geblieben. Selbst die Zeilen hier fallen mir unendlich schwer. Ich habe keine Kraft mehr und will auch nicht mehr.

Morgen fahre ich noch mal zum Bestatter, die Danksagung für die Zeitung in Auftrag geben. Übermorgen habe ich dann wieder einen Termin beim Psychologen.

 

Eintrag 02.03.2024

Nun ist schon März und seelisch geht es mir kein bisschen besser. Bestimmte Gedankengänge muss ich möglichst ausblenden, um nicht laut loszuheulen. Das klappt aber nicht immer. Wenn ich zu Hause bin, ist das kein Problem, auch auf dem Friedhof nicht. Aber sonst, die Leute, die meine Tränen mitkriegen, wissen ja nicht warum und wundern sich. So langsam realisiert das meine Seele zwar, dass meine Astrid nicht mehr wieder kommt. Aber sie will es immer noch nicht akzeptieren. Und da ist es dann wieder, mein eigenartiges, unbeschreibliches Gefühl, was mich quält. Doch ich muss und will auch das Gewesene der letzten Wochen, Monate aufarbeiten, auch wenn es sehr schwer fällt. Noch immer habe ich kaum Vorstellungen, wie ich weiter leben will bzw. soll. Gedanken an ein Ende mischen sich mit ein. Ein Ausweg aus meiner derzeitigen Situation und ein neuer Lebenssinn sind dringend geboten.

 

Eintrag 07.03.2024

nun sitzt der kleine Simba allein auf dem Bett

Ich habe keine Kraft mehr und ich will auch nicht mehr. Meine Hände zittern, wenn ich mich auf etwas konzentrieren muss. Zwischendurch geht es zwar hin und wider, das ist meist aber nur von kurzer Dauer, bis mich irgendeine Erinnerung wieder einholt. Vorgestern wurde im Radio "Circle of Life" von Elton John aus "König der Löwen" gespielt, den Titel hatte ich mir auch für die Trauerfeier ausgesucht. Meine Frau liebte den Film und auch das Musical. Der kleine Löwe Simba war ihr Talisman und als Stofftier aus dem Hause Disney bei Reisen immer mit dabei. Dieses Musikstück hat mich dann total umgehauen und das ist bis jetzt noch nicht vorbei. Ich muss immer wieder daran denken. Diesen kleinen Löwen hatte ich auch immer mit, wenn ich meine Frau auf der Intensivstation besucht habe und auch bei der Trauerfeier war er dabei.

Gestern war ich erneut bei meiner Psychotherapeutin, die mich seit dem Tod meiner Frau betreut. Sie hat eine gewisse Suizidgefahr bei mir ausgemacht und mir so einige Empfehlungen gegeben, wie ich dagegen angehen kann. Aber umsetzen muss ich alles allein. (– oder auch nicht, das bleibt bei mir. Wegsperren auf Verdacht geht ja nicht, wäre sicherlich auch kontraproduktiv.)   

   

Eintrag 14.03.2024

So langsam akzeptiert meine Seele, dass meine Astrid nie mehr zurückkommt. Auch mit dem Aufarbeiten der letzten Tage, Wochen und Monate komme ich langsam zurande. Aber immer wieder gibt es Phasen, wo ich einfach vor mich hin heule und ich das alles partout doch nicht glauben will; innerhalb weniger Stunden ein Leben zerstört und meinem Leben den Sinn genommen. Dann sind die guten Vorsätze, wie weiter, hin, meine Psyche spielt verrückt und mich quält ein Gefühl der Hilflosigkeit in einer Leere um mich herum. Auch wenn ich in ruhigen Stunden über meine Situation nachdenke, erscheint alles sinnlos. Und da ist dann auch wieder der Gedanke, doch einfach aufzugeben und allem ein Ende zu bereiten. Ab hält mich davon nur, noch alles für den Nachlass zu klären, damit der nicht da hingeht, wo ich es nicht will.

Freunde, mit denen ich über meine Gedanken gesprochen habe, versuchen zwar mich davon abzuhalten, einen Schlussstrich zu ziehen, aber letztendlich bleibe ich weiter auf mich gestellt. Sie haben ja auch ihr eigenes Leben zu meistern in dieser bescheuerten Gesellschaft. Für mich habe ich nach wie vor weiter keine Perspektive. Meine Planungen laufen erst mal bis zur ersten Maidekade, da mache ich nun doch die Mitgliederreise unserer Volksbank für dieses Jahr mit, aber diesmal leider allein.

  

Eintrag 19.03.2024

Heute war wieder so ein Tag, der mich total psychisch fertig gemach hat. Vom Bestattungsunternehmen habe ich ein Fotobuch bekommen mit Aufnahmen von der Beisetzung meiner lieben Frau Astrid. Es sind wunderschöne Aufnahmen vom Ablauf. Das hat mich dann abermals total fertig gemacht. Aber es sind auch Erinnerungen von ihrem letzten Weg. Ich habe beim Durchblättern Krokodilstränen geheult. Und da war er dann auch wieder, der Wunsch ihr zu folgen.

Morgen muss ich wieder zum psychologischen Gespräch.

     

Eintrag 27.03.2024

Jetzt plagen mich schwere Depressionen und haben meine Trauer überlagert. Das psychologische Gespräch und am Abend noch der Besuch einer Veranstaltung, wo ich viele getroffen habe, die uns kannten, haben nur kurzzeitig geholfen. Am nächsten Tag, anfangs ging es mir noch recht gut, kamen dann mit Macht die Depressionen. Sie lähmen mich bis heute. Nahezu nichts geht mehr, trotz Tabletten. Die Leere erdrückt mich und nichts scheint zu helfen. Es ist ein riesiges Loch, in das ich gefallen bin. Wie soll das nur weiter gehen. Ich bin vollständig neben der Spur und bis jetzt ohne Aussicht auf Besserung.

   

Eintrag 04.04.2024

Während meiner Transition dachte ich, die psychischen und seelischen Qualen, die ich durchgemacht habe, wären das Schlimmste. Aber was ich jetzt durchmache, ist viel, viel schlimmer. Der Verlust meiner lieben Frau ist mental die Hölle. Wenn dann die Depressionen kommen, geht meist gar nichts mehr. Auch die Motivation irgendwas Konstruktives anzufangen fehlt, es bleibt bei nur unbedingt notwendigen Arbeiten. Ich habe einfach keinen Ansatz, wie weiter.

  

Eintrag 18.04.2024

Heute vor 4 Monaten war die alles verändernde schicksalhafte OP meiner geliebten Ehefrau. Danach war nichts mehr wie immer. Ich habe bis jetzt noch keinen Halt wiedergefunden. Nichts hat mir einen neuen Lebensinhalt geben können, alles ist nur traurig und schwer. Die Leere ist weiterhin allgegenwärtig und die Motivation zu irgendwas fehlt. Gelegentliche Ablenkungen helfen nur kurzzeitig. Große Hoffnungen setzte ich jetzt in die bevorstehende Reise nach Italien. Mal sehen ....

   

Eintrag 09.05.2024

Mein Urlaub ist nun vorbei. Es war schön, wieder viele Menschen um mich zu haben, um so schlimmer aber, als ich dann zu Hause in der Einsamkeit angekommen bin. Die Wohltat der Reise war nur von kurzer Dauer. Bereits am Tag nach der Ankunft zu Hause ging das Dilemma weiter. Da half auch die Ablenkung mit Wäschewaschen, Einkaufen usw.. Natürlich war ich auch auf dem Friedhof. Ich habe wieder geheult wie ein Schlosshund als ich ihr vom Urlaub erzählt habe. Obwohl ich unter Leuten war, habe ich meine liebe Frau sehr vermisst, wenn ich irgendwo saß, an der Adria oder nur in den besuchten Orten auf einer Bank. Sie fehlt mir in allem so sehr, die gemeinsamen Gespräche, die Freude an den Erlebnissen oder ganz einfach nur nebeneinander auf einer Bank oder in einem Café sitzen. 

  

Eintrag 14.05.2024

Die Tagesabläufe sind ohne Perspektive. Ich erledige Arbeiten, ohne dass ich dazu eine positive Einstellung habe. Ich mache was, damit ich wenigstens etwas mache. Sollte mich doch irgendwas begeistern, dann ist die Begeisterung schnell wieder vorbei. Es ist ein Trauerspiel. Ich finde einfach keinen mich tragenden Sinn mehr in meinem Leben. Dass meine liebe Astrid nicht mehr da ist und auch nie wieder kommt, habe ich langsam realisiert, aber meine Seele sträubt sich trotzdem immer wieder dagegen. So habe ich mir mein Rentnerdasein nach einem erfüllen Berufsleben nicht vorgestellt. Ich frage mich immer wieder, wofür alles noch, der Lebensinhalt ist weg. Mein jetziges Leben fühlt sich an, als ob ich hier im falschen Film bin. Ich bin so unglücklich und das wird nicht besser. Eventuelle Lichtblicke gibt es kaum und sie sind nur von kurzer Dauer.

      

Einige Bilder können ggf. vergrößert werden, einfach nur anklicken.

****

Ich hatte alles erreicht, obwohl dieser Weg über viele Abschnitte nicht leicht war. Trotzdem habe ich es nicht bereut. Ich konnte mit meinem Leben glücklich sein. Manchmal glaubte ich immer noch, es ist nur ein Traum. Aber es war Realität! Ich träumte nicht mein Leben, ich lebte meinen Traum. Meine Partnerin hatte mich akzeptiert und wir beide kamen gut damit klar. Nun hat ein schwerer Schicksalsschlag diesem Leben ein Ende beschert und ich frage mich ernstlich, wie soll mein weiteres Leben aussehen? Es ist auf einmal alles so leer und ohne Inhalt, nichts, was mich weiter führt.

 

Wird immer mal wieder ergänzt.

© H. M. Waßerroth