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Aufklärende Fragen zur Transsexualität

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Vita Harumi Michelle,

"Auf dem Weg zur Frau"

~Lebensweg einer Frau,

die nicht als Frau geboren wurde~

Teil 1

"Wo war der Anfang?"

 

  

 

Vorbemerkung:

Ich musste selbst erfahren, dass der Begriff Transsexuelle mehr zu Vorurteilen beiträgt, als dass er aufzeigt, was es heißt, so zu leben. Aber auch als ich glaubte, "nur" ein Transvestit zu sein, war das genau so. Für die breite Masse sind die Unterschiede oft nur schwer oder gar nicht erkennbar. Meist werden alle "Varianten" über einen Kamm geschoren. Dabei hat es gerade bei Transsexuellen weniger mit Sexualität zu tun, sondern dass sie Zeit ihres Lebens praktisch Gefangene im falschen Körper sind. Selbst Transvestiten müssen von Zeit zu Zeit in die Rolle des anderen Geschlechts "schlüpfen", um ihre Neigung auszuleben, sonst sind auch bei ihnen psychische Schäden unvermeidbar. Viele versuchen im Verborgenen ihrem Selbstverständnis näherzukommen, ohne den ganzen Weg zu wagen. Gelingt es nicht, die wahre Identität zu leben, enden solche Schicksale auch oft im Suizid. Befürchtungen der Diskriminierung und auch diskriminierende Erfahrungen in der Gesellschaft prägen solche Schicksale. 

Nur wenige wissen schon im Kindesalter, dass sie sich in einem falschen Körper befinden. Der andere Teil beginnt irgendwann mit der Suche nach den Gründen für die Freude am Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts, dem Wunsch Frau zu sein und damit auch mit der Suche nach der eigenen Identität. Es beginnt die Suche nach Informationen, nach Erklärungen für diesen für viele unerträglichen Zustand. Bis die Erkenntnis kommt: "Ich bin einfach nur anders! Ich lebe in einem falschen Körper!"
Manchmal erschreckend, meistens jedoch erlösend und befreiend: "Ich bin transsexuell!"
Die Suche geht weiter. Suche nach Lösungsmöglichkeiten, Suche nach Hilfe: "Wie soll ich mein weiteres Leben gestalten?"
"Wo bekomme ich Hilfe?" "Was muss ich tun, wenn ich mein weiteres Leben meinen Gefühlen entsprechend gestalten will?"
Wer Glück hat, bekommt von seinem Hausarzt bereits die entsprechenden Informationen, wird an fachkundige Ärzte und Psychologen überwiesen. Vielleicht kennt der Arzt sogar eine Selbsthilfegruppe, die den Betroffenen weiterhelfen kann. Ist die Hilfe dann endlich gefunden, geht es darum, herauszufinden, welche Form zu leben, denn nun die geeignete und richtige ist. Es ist manchmal ein langer Prozess, Klarheit über den eigenen Zustand zu gewinnen
und die Lösungen sehen auch immer wieder anders aus.
Entscheide ich mich schließlich für den Weg der Transformation, dann gilt es, die Hürden der Justiz und der Medizin zu überwinden. Aus eigenen Erfahrungen muss ich leider noch immer sagen, es ist ein sehr, sehr steiniger Weg, der extrem viel Geduld und Durchstehungsvermögen, oft bis an die psychische Leistungsgrenze, verlangt. Behörden, leider auch immer noch Arzte und Krankenkassen sind längst nicht da, wo sie heute laut Gesetzeslage und auch wissenschaftlicher Erkenntnis sein sollten !!!

Psychologie und Medizin geben bisher verschiedene Erklärungen, ohne die wahren Ursachen beweisen zu können. Die Grenzen der Geschlechtlichkeit sind verschieden und fließend. Die Gesellschaft gibt ein klares Rollenverständnis vor und viele "liebe" Mitbürger haben nur eine sehr kleine Kommode mit nur 2 Schubladen, eine für weibliche und eine für männliche Individuen, ein Dazwischen, oder der Wechsel von einer in die andere Schublade ist nicht vorgesehen, eine Frau mit männlichem Körper oder umgekehrt, das passt nicht, das darf es deshalb nicht geben. Doch was macht einen so sicher, im wahren Geschlecht zu leben? Alle sollten froh sein, wenn ihr Geschlecht und Seelenleben im Einklang sind, damit einverstanden sind. Aber auch ein transidenter Mensch will mit sich im Einklang leben!

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Vorwort

Meine Eigendiagnose: "Ich bin transsexuell, ich wurde mit einem falschen Körper geboren." habe ich mir eigentlich erst spät gestellt. Ich war mir eben auch nicht sicher, zweifelte: Ist das wirklich so? Ein langer Weg der Selbstfindung hat mich dann aber doch zu diesem Ergebnis gebracht, was die psychotherapeutische Diagnose meines Psychologen und unabhängige Gutachten zweifelsfrei untermauern. Ich bin weiblich, schon Zeit meines Lebens eine Frau gewesen. 

Dessen bewusst war ich mir schon etwa gegen Ende der 1990er Jahre, aber da war mein weibliches Selbstbewusstsein durch das lange Unterdrücken noch nicht so weit ausgeprägt wie bei meinem Coming-out Anfang 2007. Bestimmt wäre ich auch diesen meinen Weg der Transformation gegangen, einiges wäre mir vielleicht sogar erspart geblieben, anderes wäre komplizierter geworden, Gesetze und die Medizintechnik waren ja noch nicht so weit wie heute. Trotzdem muss ich sagen, 10 Jahre hätte ich glücklicher leben können, aber diese Zeit ist unwiederbringlich verstrichen.

Es ist nun mal so, bei mir liegt eine manifestierte Transsexualität vor. Das heißt aber auch, meine ganze Lebensgeschichte musste nach dieser Erkenntnis neu geschrieben werden, denn viele Eigenarten, Empfindungen, Erlebnisse u.a. sind in einem ganz anderen Licht, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und bekommen dadurch eine ganz andere Wertigkeit.

Wie war das damals, als ich noch nicht mal wusste, dass es transidente Menschen gibt? Wie habe ich mich empfunden?

So möchte ich hier nun versuchen, meine Gefühle, als ich mich noch als Transvestit verstand und heute bewusst als Transsexuelle, als Transfrau bzw. dann Frau mit transsexueller Vergangenheit, zu beschreiben. Was ging in mir vor, wenn ich mich umzog, schminkte und zur "Frau" verwandelte, die ich ja eigentlich von Geburt an bin. 

Wie lebe ich heute, voll sozialisiert als Frau? Gefühle, wenn ich en-femme außer Haus gehe. Wie fühle ich mich in den Kleidern dieses Geschlechts, das nicht mein biologisches ist. Wie komme ich heute klar mit meinem Leben als Frau, wo ich doch nicht die Möglichkeit hatte, in das weibliche Leben hineinzuwachsen wie jedes biologische Mädchen? Diese Eindrücke zu beschreiben, verbunden mit der Frage, woher kommt das alles, ist sicher nicht einfach. Ich will es aus meiner Sicht versuchen. Jeder transidente Mensch geht seinen eigenen, ganz persönlichen Weg, wobei es auch Gemeinsamkeiten gibt. Der  Startpunkt ist bei allen gleich, die vorgeburtliche Prägung (wird heute am ehesten als Ursache vermutet) und das Ziel bei den meisten Betroffenen die volle geschlechtliche Angleichung.

Fast 50 Jahre meines bisherigen Lebens hatte ich versucht, mich als Harald mit der mir zugewiesenen Geschlechtsrolle zu arrangieren, habe aber auch nach meinem wahren Selbst gesucht. Meine Transsexualität stand dabei weit im Hintergrund, soweit ich in der Anfangszeit überhaupt die Zusammenhänge damit kannte bzw. erahnte. Geschweige denn, dass ich in etwa wusste, was Transsexualität überhaupt ist. Ich wusste immer, ich bin anders und suchte nach einem Lebenskonzept, bei dem ich spüren konnte, glücklich zu sein. Erfolg macht aber nur ein kurzes Stück glücklich, bis dann wieder die Gefühle offenbaren, es fehlt etwas Entscheidendes im Leben. Und dann war da auch diese Harumi in mir, die sich immer wieder und mehr einforderte. Hätte mir damals aber jemand erzählen wollen, dass es einmal so sein wird und ich wirklich eine Frau bin, so lebe und mein Körper angeglichen sein wird, dem hätte ich nur einen Vogel gezeigt.

Mein Leben in der Rolle des Mannes bleibt trotzdem ein Bestandteil meines Lebens, denn als Harald hatte ich ja auch schöne Zeiten erlebt und meine Persönlichkeit hat sich trotz der zwei Identitäten nicht geändert. Ich blicke heute stolz auf meine Lebenserfahrung zurück. Sie hat mich nach außen stark gemacht, sie befähigt mich, aufrecht und selbstbewusst zu meiner nun wahren Identität zu stehen. 

 

Teil 1

Kindheit, Schule, Lehre, Wehrdienst, Studium :

Sollte "der" Kleine auf dem linken Bild (Aufnahme im Dezember 1957) nicht doch ein Mädchen wie auf dem rechten Bild (Aufnahme im April 1959) sein?

Wo war nun der Anfang? 

Meine Kindheit verbrachte ich in einem nach meinem Dafürhalten glücklichen Elternhaus. So weit ich mich noch erinnern kann, wurde ich wohlbehütet in der mir durch "Hebammenblick" auf die Genitalien augenscheinlich zugewiesenen Geschlechtsrolle erzogen.

Von meinen Eltern wurde ich angehalten, oder besser gesagt, wurde ich immer wieder ermahnt, nicht auf die Straße zu gehen, sondern nur auf dem Hof zu spielen. Weil wir in einem Hinterhaus wohnten, war ich da besser zu beaufsichtigen. Im Vorderhaus wohnte mein gleichaltriger Freund Bernd, mit dem ich auf dem geräumigen Hof mit einer alten Bäckerei und der Tischlerei meines Vaters viele interessante Spielmöglichkeiten fand. Und dann war da ja auch noch der riesige Garten meiner Tante, der das gesamte Anwesen gehörte. Geschwister hatte ich keine und gespielt habe ich in der Wohnung mit den für kleine Jungs üblichen Spielsachen und besonders gern mit Plüschtieren. Im Alter von 5 Jahren bekam ich zu Weihnachten eine Modelleisenbahn, die dann in meinem weiteren Leben für mein Hobby prägend sein sollte. Mein Arrangement dafür und für den Verein, in dem ich ab dem 14. Lebensjahr Mitglied war, sollte auch mein Schicksal werden. 

Bis zu unserem Umzug Ende 1964 von der Brandenburger Bahnhofsvorstadt ins Neubaugebiet Brandenburg Nord sind mir eigentlich keine gravierenden Auffälligkeiten eines eventuellen Andersseins bekannt. Zu Mädchen hatte ich in der Vorschulzeit nahezu keinen Kontakt. Mein kurzer Kindergartenbesuch fällt auch nicht ins Gewicht. Ich fühlte mich da nicht sonderlich wohl und war auch die meiste Zeit krank, weshalb mich meine Eltern da bald wieder rausnahmen. So gab es für mich keine Möglichkeiten, zum weiblichen Geschlecht "herüber zu schielen" und eventuell Sehnsüchte aufzubauen. Bei vielen Betroffenen waren es doch meist Erfahrungen bzw. Beobachtungen bei den Geschwistern, die dazu anregten, das eigene Sein in Frage zu stellen. Erst durch meine Cousine, sie ist 3 Jahre jünger als ich, hatte ich später näheren Kontakt zu einem Mädchen. Durch besagten Umzug nach Brandenburg Nord änderte sich alles grundlegend. Hier war ich mit vielen Mädchen und Jungen zusammen. In der ersten Hälfte des Jahres 1965, zum Ende der 2. Klasse, hatte ich dann bereits mehr Freundschaften mit Mädchen als mit Jungs. Es waren anfangs ganz normale Freundschaften, ohne dass ich da einen speziellen Hintergrund ausmachen könnte. Ganz langsam, erst unbemerkt, interessierte mich nach und nach, wie die Mädchen so sind. Wie auch in den späteren Jahren, sind Freundschaften mit Jungs eher eine Seltenheit gewesen. Bei den Jungs war ich ein Außenseiter. Die ganzen Schuljahre durch war ich lieber mit Mädchen zusammen, habe mich mit ihnen über alles Mögliche unterhalten. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich wohl und wurde akzeptiert oder aber, ich war Einzelgänger. Mit den Jungs konnte ich einfach nicht allzu viel anfangen. Es fehlte die Akzeptanz und ihre Interessen haben mich nicht sonderlich begeistert. Die wenigen Freundschaften mit Jungs die ich hatte waren zum Leidwesen meiner Eltern mehr auf Blödsinnmachen auf den umliegenden Baustellen ausgerichtet. Ansonsten war ich ein stiller und ruhiger Typ. Das ging bis zu dem Punkt, an dem meine Klassenlehrerin meine Eltern aufforderte, mich beispielsweise in einem Verein anzumelden, damit ich in meiner Freizeit was vernünftiges mache.

So ab etwa meinem 10. Lebensjahr fing ich an, Interesse für weibliche Bekleidung zu entwickeln, noch ohne dass da irgendein konkreter Hintergedanke dabei auszumachen war. Ich konnte das auch nicht erklären, aber es kam so langsam die Frage auf: "Hätte ich nicht auch ein Mädchen sein können?" Mit Erreichen der etwa 5./6. Klasse, ich hatte wie die meisten anderen Gleichaltrigen eine feste und vor allem liebe Freundin, interessierte mich zunehmend die Kleidung der Mädchen und auch wie sie sich so geben, ihre Eigenheiten, ihr Auftreten. Meine Freundin war dabei das beste "Studienobjekt". Mir gefielen sie besonders mit moderner Kleidung, nicht so was alltägliches. Wohl nichts besonderes, denn da haben doch alle Jungs hingeschaut. Und beim Eintreten der Mädchen in die Pubertät, als sie langsam fraulich wurden, habe ich sie erst recht gemustert. Da kamen dann immer massiver Gedanken auf, warum ich ein Junge bin, könnte ich nicht auch so sein, so aussehen und mich so kleiden? Irgendwie merkte ich hier, dass ich wohl anders als die anderen Jungs war, hatte aber weder einen Namen, noch eine Erklärung dafür. Ich besorgte mir heimlich weibliche Kleidung, meistens mussten fremde Wäscheleinen dafür herhalten, und probierte alles zaghaft aus. Ich wünschte mir, auch ein Mädchen zu sein. Schon bald experimentierte ich, wie ich mir eine halbwegs realistisch wirkende Brustimitation zaubern könnte. Abenteuerlich, was ich da alles ausprobierte. Immer wieder stellte ich mir die Frage. "Bin ich noch normal?" "Was geschieht hier eigentlich mit mir?" "Warum bin ich so?" Eine befriedigende Antwort auf all diese Fragen fand ich leider nicht. Die DDR-Nachschlagewerke erklärten Transvestismus, das kannte ich mittlerweile aus dem "Westfernsehen", immer mit: 'Aus abnormer Neigung die Kleidung des anderen Geschlechts tragen.'. Vorher hatte ich nie bewusst etwas von Transsexualität gehört. So behielt ich meine Gefühle und Träume für mich und arrangierte mich so gut wie möglich mit meinem männlichen Dasein. In der Zeitung war öfter mal zu lesen, dass wieder jemand geschnappt wurde, der von Wäscheleinen weibliche Bekleidung gestohlen hatte, um sich daran sexuell zu befriedigen. Das waren aber nicht meine Beweggründe für die Wäscheleinendiebstähle. Keiner sollte merken, dass mit mir eventuell auch etwas nicht stimmen könnte und ich vielleicht krank sei. Sogar meinen Eltern habe ich mich nicht offenbart und sie hatten wohl auch nichts "Unnormales" an mir bemerkt. Dann kam die Zeit, wo auch viele Jungs längere Haare hatten. Die Beatles hatten diese Mode für das männliche Geschlecht hoffähig gemacht. Ich hätte ebenfalls gern längere Haare gehabt, noch heute finde ich lange Haare wunderschön. Meine Mutter hatte mir das aber nicht erlaubt. Also wurde das Mädchen in mir mit der höchsten Geheimhaltungsstufe totgeschwiegen und ich fing an, mich und meine Umwelt wie gesagt, anfangs noch unbewusst zu belügen.

Vor kurzem hatte ich ein längeres Gespräch mit einer Tante von mir. Sie kennt mich etwa seit Beginn meiner Schulzeit. Wir haben über lange vergangene Zeiten gesprochen und mir ist dabei wieder viel von damals eingefallen. Sie erzählte mir, dass ihr unter dem heutigen Gesichtspunkt meiner Transsexualität so einige Verhaltensweisen  nun recht verständlich erscheinen. Auch meine Oma hatte so etwa mit Beginn meiner Pubertät damals festgestellt, dass ich ähnlich wie ein Mädchen im gleichen Alter, anfange rumzuzicken. Ich wäre zickig wie ein kleines Mädchen gewesen. (Sag ich doch, Harumi kann auch Zicke sein! *grins*) Auch beim Spielen hätte ich möglichst darauf geachtet, mich nicht übermäßig schmutzig zu machen wie die anderen Jungs. Das war übrigens die ganzen Jahre so. Auch heute hasse ich es noch, wenn ich beispielsweise ekelig schmutzige Hände habe. Bei der Arbeit gab es da schon öfter mal Reibereien bzw. Hänseleien. Bei Reparaturen, ich hatte möglichst nicht auf Handschuhe verzichtet, haben sich die Kollegen oft bis über die Ellenbogen in den Dreck "vertieft", auch mein Arbeitsanzug war immer viel länger viel sauberer. 

Immer, wenn meine Eltern nicht zu Hause waren, nutzte ich die Gelegenheit, um mich zu verkleiden und Frau zu sein. Weibliche Kurven versuchte ich durch Polsterungen zu imitieren. Für die halbwegs realistische Präparierung der Brüste kam mir nach den vielen anderen Versuchen eine Information, mit Wasser gefüllte Ballons zu nutzen, zu Hilfe. Vereinzelt gab es da schon mal ein Malheur, wenn so ein Ballon platzte und ich dann fast gebadet war. Harumi wagte bald auch schon mal im Schutze der Dunkelheit einen kurzen Gang auf die Straße. Während der Lehre in Halle/Saale und Unterbringung im Wohnheim ging das nur noch am Wochenende und da bin ich dann meistens in den Wald oder an Orte gefahren, wo in der Regel selten jemand hinkommt. 

Eine Episode dazu ist mir wieder eingefallen: Es war während der Lehrzeit. Ich war am Wochenende zu Hause und mal wieder mit dem Fahrrad am Quenzsee, am Ostufer hinter den Schlackehalden vom Stahlwerk (eigentlich Betriebsgelände). Hier kam selten einer hin und man war fast immer allein und ungestört. An einigen Stellen konnte man sogar baden. Einen Badeanzug hatte ich mir auch schon besorgt und so war ich wieder mal Mädchen statt Junge. Die Zeit verging wie immer zu schnell und ich musste mich beeilen, um am Abend den Zug nach Magdeburg und dann weiter Halle zu schaffen. Bis auf den nassen Badeanzug ließ ich die anderen Sachen in den Fahrradtaschen am Gepäckträger in dem Glauben, da sieht keiner nach. Am nächsten Wochenende fragte mich meine Mutter, was ich denn da für "Lumpen" in den Fahrradtaschen hätte. Wie ich reagiert habe, weiß ich heute nicht mehr. Sicherlich habe ich irgendwie von dem Thema abgelenkt und es wurde auch nie mehr davon geredet. 

In der Lehre und auch während des damals üblichen Wehrdienstes zweifelte ich immer mehr an meinem Körper, er war nicht so typisch männlich kräftig ausgebildet wie bei den anderen. Er war zierlich, ich wog bei meinen damals 184 cm Größe gerade mal um die 65 kg, was dann speziell in der Armeezeit schon öfter zu Hänseleien führte. Meist hatte ich, auch bei der größten Hitze, immer ein Hemd an, um meinen Körper nicht zu präsentieren. 

Beim nach dem Wehrdienst angefangenen Studium an der Verkehrshochschule in Dresden war ich dann wieder mit vielen Frauen zusammen und konnte nun auch wieder auf ihre Äußerlichkeiten achten. In Dresden, da kannte mich kaum einer, war es recht einfach für mich, entsprechende Kleidung zu kaufen. Wenn ich in ein Gespräch verwickelt wurde, dann erklärte ich, dass es ein Geschenk für meine Schwester sei. Vermutete ich jetzt schon etwas konkretes? Hatte sich da Harumi in mir bewusst gemeldet und wollte endlich raus, wollte auch am Leben offiziell teilhaben? Ich weiß es nicht! Wieder zu Hause, wenn mein Vater nicht da war, meine Mutter ist sehr früh gestorben, oder irgendwo in freier Natur, probierte ich alles aus und hing meinen Träumen nach. Nachts, wenn ich wusste, mein Vater kommt erst spät nach Haus, streifte ich als Frau durchs Wohngebiet. Bisweilen schlich ich mich auch erst weit nach Mitternacht ganz leise aus der Wohnung, vorbei am Schlafzimmer meines Vaters, um als Frau wieder "auszugehen". Ich hatte mich in meinem Zimmer vorher schon verkleidet, so dass ich immer höllisch aufpassen musste, dass mein Vater auch ja nichts bemerkte. Es machte mir einen riesigen Spaß, in den Kleidern des anderen Geschlechts zu gehen und Frau zu sein. Einen konkreten Hintergedanken oder eine gezielte Vorahnung, warum immer wieder dieses Verlangen Frau sein zu wollen, noch Fehlanzeige. Schnabels in der DDR Kultlektüre zur sexuellen Aufklärung "Mann und Frau intim" bezeichnete solche Menschen wie mich nach dem damaligen Stand der allgemeinen Wissenschaft der Psychologie des Menschen immer noch als psychisch krank. Auch konnte in der DDR nicht alles sein, was nicht sein durfte. Deshalb geschah der Wechsel in die Weiblichkeit auch mit der Angst, erkannt zu werden. Aber trotzdem war ich glücklich, wenn ich so raus konnte.

Das ging jahrelang immer gut, keiner schien etwas zu merken und ich hatte nach wie vor meine Freude daran und war jedes Mal wieder ein glückliches Mädchen. In wie weit da eventuell vielleicht anfangs auch ein Fetischcharakter hinter stand, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich glaube aber eher nicht. Tiefgreifend könnte es jedenfalls nicht gewesen sein. Weiterführende Gedanken in Richtung Selbstfindung hatte ich noch nicht angestellt, mir reichte einfach das wenn auch zeitlich begrenzte Glücksgefühl, mich als Frau zu fühlen. Mittlerweile hatte ich auch aus dem Fernsehen schon etwas von Transsexualität gehört. Aber wie schon geschildert, stimmte nach damaliger Lesart etwas mit mir nicht und das musste ich keinem auf die Nase binden. So habe ich auch Gedanken an eine bei mir eventuell bestehende Transsexualität immer wieder verworfen. Ich versuchte möglichst so männlich zu sein, wie alle anderen Männer auch. Heute weiß ich, warum mich das auch oft vor seelische Probleme stellte, denn heute weiß ich nun, seelisch bin ich schon immer eine Frau gewesen. 

Meine langjährige Freundin hatte dann einen Anderen geheiratet, er war sportlicher als ich und sicherlich ein "richtiger" Mann. Aber auch sie wusste nichts von meiner "Neigung" bzw. "Prägung". 

Wenn sich die Möglichkeit ergeben hat, habe ich mir immer wieder Damenkleidung angezogen, aber ohne Bedacht auf Äußerlichkeiten, wie Schminken, Accessoires usw.. Da war sie dann, diese Harumi in mir und sie meldete sich von mal zu mal. Und immer wieder die bohrende Frage, warum habe ich nicht einen weiblichen Körper haben können, um auch so zu leben.

Einmal ist mir bei uns zu Hause im Bücherregal ein Buch aufgefallen. Es handelte von sexueller Aufklärung. Mir war es bekannt. Da war plötzlich ein Lesezeichen drin bei dem Abschnitt "Was ist pervers?" Das konnte nur mein Vater reingelegt haben. Ich dacht daher immer, er muss vielleicht doch etwas mitbekommen haben, schließlich hatte ich viele Damenbekleidung bei mir im Zimmer versteckt. Leider kann ich ihn heute nicht mehr befragen. 

Mein Vater hatte nach dem frühen Tot meiner Mutter noch mal geheiratet und wie mir seine zweite Frau, ich vermeide hier bewusst den Begriff Stiefmutter, denn der hat so etwas herabwürdigendes an sich, später erzählte, denn sie lebt noch, hat er sich schon öfter Gedanken über mich gemacht. Er konnte aber die Wahrheit wohl nicht deuten und er ist auch ihr gegenüber damit nicht näher ins Detail gegangen. Aber immer wenn ich seine Frage nach dem, was ich den Tag über gemacht habe, antwortete: 'Ich war im Wald.' fing er zu grübeln an. Das machte ihn nachdenklich. Wenn ich ihm sagte, dass es etwas mit Modellbahn oder so zu tun hatte, womit ich mich beschäftigte, dann war die Welt für ihn in Ordnung. 

Nun fing ich aber eigentlich erst ernstlich an, mir weiterführende Gedanken zu machen. Bin ich wirklich pervers? Bin ich ein schlechter Mensch, weil das Tragen der Kleidung des anderen Geschlechtes unnormal sei? Das tat aber meiner Freude daran keinen Abbruch. Ich hatte sie nun bewusst getroffen, diese Harumi in mir. Sie meldete sich immer öfter und in Damenbekleidung fühlte ich wie eine Frau....

 

Ausführliches, aktuelle Empfindungen, Erfahrungen findest Du, von Zeit zu Zeit ergänzt in meinem kleinen Tagebuch.

Eine kurze Zusammenstellung von Daten und Fakten ist meine transsexuelle Kurzchronik.

 

Einige Bilder hier können auch vergrößert werden, einfach nur anklicken

Teil 1: letzte Überarbeitung bzw. Ergänzung am 29.12.2011 (neue Erkenntnisse und Informationen wurden an entsprechender Stelle eingefügt)

 

Harumi Michelle

 

während der Lehre 1974, 17 Jahre

 

© H. M. Waßerroth

 

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